Die Hauptversammlung ist längst mehr als ein jährlicher Pflichttermin börsennotierter Unternehmen. Sie ist Bühne, Prüfstein und Dialogformat zugleich – und sie steht vor einem Wandel. Im Interview gibt Christian Jeschke, Head of AGM Advisory bei Computershare, Einblicke in die Herausforderungen der vergangenen HV-Saison und skizziert, wie sich die Hauptversammlung in den kommenden Jahren entwickeln wird.  

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Rückblick auf die HV-Saison 2025 

Christian Jeschke sieht auf die Frage nach der vergangenen HV-Saison insbesondere die hohe Termindichte mit vielen parallel stattfindenden HVen als Herausforderung an. Für Unternehmen und Dienstleister bedeutet das: Planung, Ressourcen und technische Stabilität müssen auf Spitzenniveau auch in der kommenden Saison funktionieren.

 

Die Wahl des richtigen Formats – eine Grundsatzfrage

Als strategisch bedeutende Frage stellt sich für die kommende HV-Saison für alle Unternehmen die Wahl des Formates – Präsenz, virtuell oder hybrid? Laut einer DSW-Studie war die Präsenz-HV 2025 das am häufigsten gewählte Format (65 %), verzeichnete jedoch im Vergleich 2024 einen Rückgang zugunsten der virtuellen HV. Unterschiede gab es insbesondere zwischen den Indizes: Während SDAX-Unternehmen mehrheitlich auf Präsenz setzten, entschieden sich DAX- Und MDAX-Unternehmen überwiegend für die virtuelle Durchführung. Die Wahl des passenden Formates ist mehr als nur eine Budgetfrage, höhere Präsenzquoten und Beteiligungen sind laut der DSW-Studie nach wie vor in Präsenz-HVen zu verorten.¹

Ergänzend zeigt ein aktuelles Georgeson Memo: Rein virtuelle Hven sind seit der AktG-Änderung 2022 nur mit entsprechender Satzungsermächtigung möglich. Diese wird von DAX-Unternehmen überwiegend zeitlich befristet eingeholt, meist für 2 Jahre. Damit bleibt die Formatfrage nicht nur organisatorisch oder finanziell relevant, sondern wird zunehmend zu einer zentralen Stakeholder- und Abstimmungsfrage. Grundsätzlich stehen Aktionärinnen und Aktionäre dem virtuellen Format offen gegenüber –vorausgesetzt, ihre Partizipationsmöglichkeiten werden nicht eingeschränkt. 

Jeschke sieht als Trend in den nächsten fünf Jahren den Rückgang von Präsenz-Hven zu Gunsten der virtuellen HV:
„Allein deshalb, weil die [neuen, nachwachsenden] Aktionäre vielleicht gar nicht mehr die Zeit haben, auf die Hauptversammlung zu kommen.“  

 

Modernisierung der HV: Was Aktionärinnen und Aktionäre künftig wollen

Das Stichwort „die neuen Aktionäre“ ruft direkt ein neues, großes Zukunftsthema für die HV auf den Plan. Denn zentraler Punkt ist für Jeschke, dass Hauptversammlungen interessanter, moderner und insgesamt besser erlebbar werden müssen. Dabei spielt eine Anpassung der Formatlänge eine große Rolle, denn „die heutigen Zuschauer nehmen nicht lange Formate wahr, sondern die wollen schnell irgendwo reingehen und informiert werden“. In modernen Vorstandsreden bei neuen Vorständen zeigt sich bereits der Trend, indem die Reden freier, moderner und zukunftsgerichtet sind.  

Auch im Bereich Technik und moderne Präsentation gibt es Neuerungen. Und Künstliche Intelligenz wenig überraschend – ein Thema, das künftig auch vermehrt im Kontext der Hauptversammlung aufkommt, insbesondere im Bereich der Fragenauswertung, der Aktionärsinteraktion bis hin zu neuen Formen der Aufbereitung von Inhalten. Zudem ermöglicht eine Änderung oder Reform des Beschlussmängelrechts eine interessantere Gestaltung der HV, da bestimmte formale Risiken und Anfechtungsgründe reduziert werden. Wenn nicht alles Punkt für Punkt strikt abgearbeitet werden muss, lässt dies eine Planungs- und Gestaltungsfreiheit zu, welche die HV insgesamt abwechslungsreicher und publikumsorientierter werden lässt.

 

HV nur als Kür im Kalenderjahr der Aktiengesellschaften 

Was im Interview deutlich wurde, war auch der Gedanke, dass hinter dem eigentlichen HV-Tag ganzjährig Verpflichtungen und IR-Arbeit stehen. Oft ist das Unternehmen nach außen vor allem über die Bilanzpressekonferenz und Hauptversammlung sichtbar. Laut Jeschke geht der Trend allerdings hin zu ganzjähriger Sichtbarkeit – auch außerhalb des engen rechtlichen Rahmens der HV. Denkbar sind Formate wie Roadshows in einem ungezwungeneren Rahmen, damit ein echter Dialog entstehen und die Vorstände freier in der Beantwortung von Fragen agieren können. Hierfür braucht es einen ganzjährigen strukturierten und vor allem konsistenten Ansatz in der Stakeholderkommunikation. 

Mit Investor Engagement erhalten Unternehmen einen klaren Überblick über ihre IR-Arbeit und schaffen die Grundlage, Dialogformate über das ganze Jahr hinweg gezielt auszurichten. Dafür ist es zunächst notwendig, bis ins Detail zu verstehen, wie die Eigentumsverhältnisse der Kapitalstrukturen aussehen und zu erkennen, wer die Entscheidungsträger sind. Nur wer die Motivation und Beweggründe seiner Stakeholder versteht, kann seine taktische Kommunikation an deren Bedürfnissen ausrichten. Die Engagement-Aktivitäten wie z.B. Roadshows werden über eine zentrale IR-CRM-Plattform geplant, dokumentiert und ausgewertet. Und in unternehmenskritischen Situationen unterstützt zusätzlich Georgeson Advisory mit strategischer Beratung, damit auf Risiken frühzeitig reagiert werden kann.  So entsteht aus einzelnen Touchpoints eine konsistente, ganzjährige Kommunikationslinie.

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Fazit und Ausblick

Insgesamt zeigt sich, wie stark die Hauptversammlung, aber auch insgesamt die Workflows von Aktiengesellschaften, im Wandel ist. Die Hauptversammlung wird sich in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit an die veränderte Aktionärsstruktur anpassen und somit zu einem moderneren, interaktiveren und zielgruppenorientierteren Format – bei gleichzeitiger Wahrung der Rechtskonformität. Christian Jeschke prognostiziert zudem, dass die HV künftig noch häufiger virtuell stattfinden wird. 

Fest steht: Der Vorteil liegt klar bei Unternehmen, welche die HV nicht nur als jährlichen Pflichttermin begreifen, sondern als ganzheitliches und ganzjähriges Konzept ihrer IR-Arbeit begreifen.


1 DSW_HV_Report_2025.pdf